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Einleitung

Gerade im Laufe des Geschichtsunterrichtes fällt während dem Thema „Industrialisierung“ und der „sozialen Frage“, der Name Johann Hinrich Wichern. Doch wer war dieser Mann überhaupt und warum strahlt sein Wirken und Handeln auch heute noch in unser Gemeinschaftsleben aus? Mein erster Gedanke zu Wichern war, dass ja auch in meinem Nachbarort Wichern der Namensgeber eines Gemeindehauses -das „Wichernhaus“- ist. Denn der Name Wichern ist gerade im christlichen Bereich bekannt. In vielen Orten, über Deutschland verteilt, gibt es Wichernschulen, Wichernhäusern und es bildeten sich gerade in den letzten 100 Jahren viele Wicherngemeinden. Und wo von Wichern gesprochen wird, da fällt auch schnell das Schlagwort „Diakonie“.

Das Thema dieser Hausarbeit lautet : „Diakonisches Werk – im besonderen Hinblick auf die Gründung der Inneren Mission durch Johann Hinrich Wichern“. Wie bereits im Thema deutlich wird beschäftigt sich diese Hausarbeit mit drei inhaltlichen Punkten: Das Diakonische Werk, J.H. Wichern und die „Innere Mission“. Diese drei Themen möchte ich in den Blick nehmen und den Zusammenhang dazwischen suchen und analysieren.

Das Diakonische Werk

Im Neuen Testament wird von dem Oberbegriff „Diakonie“ (griechisch) geschrieben. Diese Diakonie steht für den "Dienst" der Gemeinde an dem hilfsbedürftigen Nächsten. Aus dieser Motivation heraus wurde die organisierte Diakonie im Revolutionsjahr 1848 gegründet. Eine Zeit, in der Armut und soziale Not infolge von wachsender Bevölkerung, beginnender Industrialisierung, Landflucht und gescheiterter Reform rasant zunahmen.[[|1]] Und auch bis heute kann man die biblische Motivation in dem Grundsatz des Diakonischen Werkes wiedererkennen: „Diakonie ist das christliche Hilfehandeln zugunsten notleidender Menschen.“[[|2]] Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) existiert in seiner heutigen Form erst seit 1975. Der Ursprung des evangelischen Wohlfahrtsverbandes geht jedoch auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück - und damit auf Johann Hinrich Wichern, der deshalb auch gern als "Vater der Diakonie" bezeichnet wird.

Die Einrichtung im Kurzüberblick

Die Diakonie ist der soziale Dienst der evangelischen Kirchen. Sie versteht ihren Auftrag als gelebte Nächstenliebe und setzt sich ein für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, die auf Hilfe angewiesen oder benachteiligt sind. Neben der tätigen Hilfe versteht sich die Diakonie als Anwältin der Schwachen und benennt öffentlich die Ursachen von sozialer Not gegenüber Politik und Gesellschaft.[[|3]] Die Diakonie ist überall dort aktiv, wo Menschen Unterstützung brauchen. Haupt- und Ehrenamtliche Mitarbeiter in diakonischen Einrichtungen und Diensten helfen, leiten und betreuen andere Menschen immer mit dem Ziel die Ursachen von Notlagen zu beheben. So ist die Diakonie heute eine der größten sozialen Institutionen Deutschlands. Eine Institution, die in den unterschiedlichsten Lebenslagen helfen möchte und dies an den unterschiedlichsten Orten, ob in Krankenhäusern, Sozialstationen, Beratungsstellen oder Schulen.[[|4]]

Diakoniegeschichte im 19. Jahrhundert

Seit den ersten Jahrhunderten nach Christus lässt sich in der Kirchengeschichte eine Diakonie finden. Auch gab es gerade in Ägypten und im Antiken Westen vorchristliche Formen der Wohltätigkeit.[[|5]] In Deutschland existierten im Mittelalter bereits diakonische Orden, die sich der Pflege kranker Menschen widmeten. Oft wird der Beginn der Geschichte der Diakonie mit den Bewegungen des historischen Jesu beschrieben und gleichgesetzt.[[|6]] Die Geburtsstunde des organisierten Diakonischen Werkes in Deutschland war aber erst im Jahr 1848. Denn in diesem Jahr und in den Jahren zuvor machte diese Institution viele große Fortschritte. Und dies durch Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten, die sich in ganz Deutschland verteilt den „Dienst“ an bedürftigen Mitmenschen versahen. Es kam unter anderem zu den Gründungen von Rettungshäusern mit Familienprinzip, durch Wichern und parallel dazu wurden viele Diakone und Diakonissen ausgebildet. So vermehrten sich zum Beispiel seit den 1830er Jahren außerdem diakonischen Initiativen und erstreckten sich auf immer mehr Handlungsfelder. Zugleich entstanden damit neue Modelle christlicher Lebensentwürfe und Berufsbilder. So nahmen sich etwa Theodor Fliedner (1800-1864) und seine Frau Friederike Fliedner (1800-1842) bzw. nach deren Tod seine zweite Frau Caroline Fliedner (1811-1892) der Krankenpflege an. Es kam zu einer Professionalisierung der Krankenpflege. Wichern erkannte, dass es an etlichen Stellen bereits diakonisches Engagement gab. Daher meinte er, an manchen Stellen bedürfe es nicht neuer Initiativen, sondern der Weiterentwicklung und Umorganisation von Bestehendem. So kam es im Herbst 1848 zu einem Entwurf zur Neugestaltung einer gegliederten Diakonie. Dabei waren große Teilpunkte unter anderem die Christliche Armenpflege und die Innere Mission.[[|7]]

Johann Hinrich Wichern
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Vorstellung der Person

Auf dem Klappentext des Buches „Ein Menschenfischer - Johann Hinrich Wichern“[[|8]] wird Wichern als „bemerkenswerter Mann“ beschrieben. Darunter steht sein Leben und sein Wirken kurz zusammengefasst: Gründer des „Rauhen Hauses“ und der Diakonenanstalt in Hamburg, des „Johannesstiftes“ in Berlin, der „Felddiakonie“ im Schleswig-Holstein-Krieg 1864; Gefängnisreformer in Preußen; auf dem 1. Evangelischen Kirchentag 1848 in Wittenberg entwickelt Johann Hinrich Wichern sein Konzept einer „Inneren Mission“; dies führte dann ein Jahr später zur Gründung des „Centralausschusses für die innere Mission“. Wicherns Handeln, seine Ideen, seine Erziehungsmethoden und seine Nächstenliebe sind vor allem in kirchlichen und sozialpädagogischen engagierten Kreisen berühmt. Johann Hinrich Wichern (*21.April1808) war der älteste von sieben Geschwistern einer bürgerlichen, christlichen Familie, die in einfachen Verhältnissen lebte. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste er sich um die Familie kümmern. Während seiner Konfirmandenzeit fand Wichern zu Gott. Und studierte nachdem er sein Abitur nachgeholt hatte, das er aufgrund einer Erzieherausbildung zuvor abgebrochen hatte, Theologie. Alles sah ab diesem Punkt nach einem beruflichen Scheitern aus. Johann Hinrich Wichern gelang es nicht, in ein Hamburger Pfarramt gewählt zu werden.[[|9]] So übernahm Johann Hinrich Wichern im Jahr 1832 - in der vermeintlichen Wartezeit- eine Stelle als Oberlehrer an einer Sonntagsschule in der Evangelischen Kirchengemeinde St. Georg (der Stadtteil St. Georg vor den Toren der Stadt Hamburg war ein Elendsquartier: hierhin hatte man im Mittelalter Pestkranke und Aussätzige verbannt) Wichern trat einem Besuchsverein bei, der die Eltern der Sonntagsschulkinder zu Hause besuchte. Durch diese Arbeit lernte Wichern die schreiende Armut, die Wohnungsnot, die geistige und sittliche Verwahrlosung in Hamburg kennen. Er fertigte Protokolle an, wobei er in Kontenbücher die familiären und gesundheitlichen Zustände der Kinder vermerkte.[[|10]] Diese Tätigkeit weitete sich ungeahnt aus: Wichern gründete 1833, von Hamburger Kaufleuten unterstützt, in dem dafür erworbenen „Rauhen Haus“ eine „Rettungsanstalt“[[|11]] Diese Einrichtung für Jugendhilfe nahm verwahrloste männliche Jugendliche auf, die als Folge der industriellen Revolution unter entwürdigten Verhältnissen lebten (siehe 3.2).[[|12]] So fand Wichern seine berufliche Aufgabe. Er weitete sein Projekt aus und schuf für die erzieherische Aufgabe der Jugendlichen ein neues Diakonenamt. Die neuen pädagogisch ausgerichteten Diakone blieben nach ihrer Einsegnung Glied der Bruderschaft des „Bruderhauses“, der Diakonenanstalt. Zusätzlich widmete Wichern sich weiterhin dem Problem der „Wohnungsnot der kleinen Leute“, wie unter anderem die gleichnamige Schrift aus dem Jahr 1857 zeigt.[[|13]]. Immer wieder beschäftigte er sich mit der Frage der „Armenpflege“, der „reisenden Handwerksburschen“,[[|14]] der „Auswanderer und Ausgewanderten“[[|15]] und des Alkoholmissbrauches. Ähnlich wie vor ihm Fliedner, engagierte Wichern sich zudem schon früh für die Verbesserung der katastrophalen Lage von Strafgefangenen. Als Ministerialbeamter erhielt Wichern die Zuständigkeit für die Gefängnisreform. Auch hier wurden durch Förderung Diakone dafür ausgebildet. Da der Bedarf an Diakonen durch das Rauhe Haus allein nicht zu decken war, bewirkte Wichern 1885 die Gründung des „Evangelischen Johannesstiftes“ in Berlin. Auch wenn Wicherns Tätigkeit als Ministerialbeamter weitgehend erfolglos - durch eine Reihe von Problemen- blieb, hinterließ er in Berlin doch Spuren durch die Gründung des Johannesstiftes. Dieses hatte ab dem Zeitpunkt an viele Hoch- und Tiefphasen, breitete sich aber schnell über viele Teilbereiche aus. So wurde die Arbeit der Stadtmission ausgebaut. Der erste Schlaganfall 1866 schränkte Wicherns Arbeitsfähigkeit erheblich ein. Ab 1872 beschränkte er sich auf die Leitung des Rauhen Hauses, bei der er von seinem Sohn unterstützt wurde. Auch seine Frau Amanda geborene Böhme war an der Leitung, vor allem während Wicherns Abwesenheit, oft beteiligt. Sie war seine erste Mitarbeiterin und wurde 1835 seine Frau. Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor. [[|16]] Am 1. April 1873 gab er krankheitsbedingt die Leitung des Rauhen Hauses an seinen Sohn Johannes ab. 1874 wurde er aus dem Staatsdienst entlassen. Es folgte eine langjährige Leidenszeit mit Schwäche, Schmerzen und Schlaflosigkeit. Am 7. April 1881 starb Wichern nach mehreren Schlaganfällen und langem Leiden.[[|17]] Die größte Bedeutung erlangte Wichern jedoch nicht durch die Gründung des Rauen Hauses, nicht durch die Gründung des Johannisstiftes oder durch die bis heute zukunftsweisenden Gefängnisreformpläne, sondern als unermüdlicher und einfallsreicher Anreger der „Inneren Mission“. In Wittenberg trat im Revolutionsjahr 1848 der erste evangelische Kirchentag zusammen (siehe 4.2). Johann Hinrich Wicherns improvisierte und doch ausführliche Rede wirkte wie eine Initialzündung der „Inneren Mission“. Diese entwickelte sich zu einer äußerst dynamischen diakonischen und volksmissionarischen Bewegung und hatte ungeahnte Folgewirkungen für unser Gesellschaftssystem[[|18]], sodass der Diakoniehistoriker Jochen-Christoph Kaiser dieses Ereignis als den „Anbruch in die moderne Welt“ bezeichnete[[|19]]. So blieb Johann Hinrich Wichern mit seinem Theologiestudium und als Kandidat zum Oberkirchenrat zwar weitgehend glücklos, war aber umso erfolgreicher im Bereich der pädagogischen Diakonie, der Wiederbelebung des Diakonenamtes und der Gründung von eigenen bedeutenden Einrichtungen. Darüber hinaus wurde er zum entscheidenden Initiator und Motivator der Inneren Mission in Deutschland im 19. Jahrhundert[[|20]].

Rettungshäuser mit Familienprinzip
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Bereits in der vorhergehenden Biographie Wicherns wurde das Rauhe Haus oft genannt. Eine Rettungsanstalt für verwahrloste männliche Jugendliche. Wicherns Rettungshäuser kann man keinesfalls mit den damaligen Straf- oder Zuchthaus vergleichen. Junge Menschen, die in den menschenunwürdigsten Verhältnissen aufwuchsen wurden hier mit Nächstenliebe und Fürsorge aufgenommen. Wicherns Konzept von Pädagogik wurde schon im Aufnahmeritual deutlich, denn als Antwort auf seine bisherige Lebensgeschichte hörte das Kind im Rauhen Haus: „Mein Kind, dir ist alles vergeben! Sieh um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist! Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel; nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier […] diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld. – Das bieten wir dir, und was wir fordern, ist zugleich das, wozu wir dir verhelfen wollen, nämlich dass du deinen Sinn änderst und fortan dankbare Liebe übest gegen Gott und Menschen!“ [[|21]] Dieser Satz zur Begrüßung und die anschließende „Reinigung des Knaben“, bei der diese auch ganzheitlich Umgekleidet wurden, erinnert sowohl an ein Aufnahmeritual in einem Kloster, als auch an ein christliches Taufritual und muss nach Bettina Lindmeier[[|22]] als Ausdruck der religiösen Zielsetzungen Wicherns verstanden werden, der sein Wiedergeburtserlebnis (Tod der alten und Geburt einer neuen Identität) während seiner Konfirmandenzeit mit seinen Zöglingen zu teilen hoffte. Die bisher prägenden (Über-)Lebensstrategien sollten bewusst verändert werden. Die Kinder wurden im Alter von elf bis zwölf Jahren aufgenommen und mit Sechzehn entlassen. Auf der Basis des Familienprinzips entstand eine christliche Kolonie kleiner Häuser. Jeweils zwölf Kinder bewohnten mit einer Bezugsperson ein eigenes Häuschen und übten in dieser Kleingruppe soziales Verhalten ein. Die Jungen und ab 1835 auch Mädchen hatten einen geregelten Tagesablauf. Der Tagesablauf war fast klösterlich strukturiert durch Andachten, Arbeitszeiten und Ruhephasen.  Sie wurden unterrichtet und ihnen wurde das Arbeiten beigebracht.[[|23]] Zu ihrer Ausbildung gehören nicht nur die klassischen Schulfächer, sondern auch handwerkliche oder hauswirtschaftliche Fähigkeiten als Vorbereitung fürs Berufsleben. Denn Wichern errichtete zu den vorhandenen Gebäuden später auch Werkstätten, nämlich eine Spinnerei, eine Schuhmacherei und einen landwirtschaftlichen Betrieb, und einen Betsaal. 1842 wurde auch eine Buchdruckerei eingerichtet, in der die Fliegenden' 'Blätter gedruckt wurden, in denen die Anliegen der Inneren Mission verbreitet wurden. Kirchliche Feste wurden kindgemäß und fantasievoll zelebriert. So hing im Rauhen Haus auch der erste Adventskranz, als dessen Erfinder Wichern gilt.[[|24]] Ziel der Erziehung war die Förderung der individuellen Fähigkeiten, der Verantwortung und der Gemeinschaftsfähigkeit der Kinder. Wichern hatte das Konzept einer „rettenden Erziehung“. Dabei spielte die Ausgangsbedingung der Jugendlichen, die christliche Erziehung, die Beziehung untereinander und das fragliche „gute“ und „böse“ im Menschen eine große Rolle. [[|25]]

Die Inneren Mission durch Wichern

Die Definition von „Innerer Mission“

Die Innere Mission ist eine Initiative zur christlichen Mission innerhalb der evangelischen Kirche. Die Innere Mission war eine Antwort auf die von der industriellen Revolution aufgeworfenen sozialen Frage im 19. Jahrhundert. Wichern regte die kirchliche und staatliche Sozialarbeit an und trug dadurch gleichzeitig zu einer zeitgemäßen Form der Evangelisation (Verbreitung des Evangeliums von Jesus Christus) bei, die auf den modernen, dem christlichen Glauben entfremdeten Großstadtmenschen ausgerichtet war.[[|26]] Die Schreibweise von „Innere Mission“ veränderte sich im Laufe der Zeit. Wichern sah eine Bedeutung in der Kleinschreibung von „innere“.

Kirchentag zu Wittenberg

Der Deutsche Evangelische Kirchentag entstand in Reaktion auf die Revolution. Zum ersten Mal fand 3 Tage im September 1848 in der Schlosskirche in Wittenberg eine „Versammlung evangelischer Männer“ statt, die auch als Kirchentag bezeichnet wurde. Etwa 500 Theologen und Laien waren versammelt. Hauptthema sollte der Zusammenschluss aller deutschen Landeskirchen zu einem Kirchenbund zur Wahrnehmung gemeinsamer Aufgaben sein. Aktualität bekam der Kirchentag durch die Bestrebung nach einem einheitlichen Deutschland, durch die prekäre Lebenssituation verarmter Schichten, durch Revolten in Deutschland und Europa, sowie bürgerliche Forderungen nach politischer Teilhabe und Demokratie.[[|27]] Hier hatte unter anderem Johann Hinrich Wichern, zu der Zeit einer der bekanntesten Kirchenmänner, die Gelegenheit, sein Anliegen vor den Vertretern der deutschen Landeskirchen zu entfalten. Wichern war nach Wittenberg in der Erwartung angereist, dass auf die Tagesordnung auch die Innere Mission gesetzt wird.

In einer mitreißenden Stegreif-Rede überzeugt er sie. Seine richtungweisende Rede führte zur Gründung des „Centralausschusses für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche“, aus welchem später das Diakonische Werk entstehen sollte.[[|28]] Auf dieser Versammlung begann die Geschichte der organisierten Diakonie. Mit den folgenden Worten wurde eine ungeahnte Bewegung in Gang gesetzt und mit diesen frei und voller Emotionen gewählten Worten Wicherns wurde er Initiator und Motivator der Inneren Mission und der Diakonie, so wie wir sie heute kennen: „...Meine Freunde, es tut eines Not, dass die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit anerkenne: ‚Die Arbeit der Innern Mission ist mein!‘, dass sie ein großes Siegel auf die Summe dieser Arbeit setze: die Liebe gehört mir wie der Glaube. Die rettende Liebe muss ihr das große Werkzeug, womit sie die Tatsache des Glaubens erweiset, werden. Diese Liebe muss in der Kirche als die helle Gottesfackel flammen, die kund macht, dass Christus eine Gestalt in seinem Volk gewonnen hat. Wie der ganze Christus im lebendigen Gottesworte sich offenbart, so muss er auch in den Gottestaten sich predigen, und die höchste, reinste, kirchlichste dieser Taten ist die rettende Liebe...“ [[|29]]

 Der Beginn der Inneren Mission in Deutschland

Über eine Stunde sprach Johann Hinrich Wichern während des ersten Kirchentages in der Wittenberger Schlosskirche. Am Ende beantragte er, die Innere Mission in den Aufgabenkatalog des geplanten Kirchenbundes aufzunehmen. Wicherns Appell beeindruckte die Versammlung, die schließlich zustimmte. Schon knapp zwei Monate später konstituierte sich provisorisch der „Central-Ausschuss für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche“. Die Gründer des Central-Ausschusses wollten die enormen sozialen Verwerfungen und die Verarmung großer Teile der Bevölkerung nicht tatenlos hinnehmen. Sie nahmen die "Verwaltung des Elends" in ihre Hände.[[|30]] In ihrem Auftrag schrieb Wichern in wenigen Monaten sein wichtigstes Werk nieder: „Die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche. Eine Denkschrift an die deutsche Nation“.[[|31]] Im Frühjahr 1849 erschienen die ersten 3000 Exemplare, im August bereits musste eine zweite Auflage nachgedruckt werden.[[|32]] Wichern war nicht nur Theoretiker sondern vor allem ein Praktiker der Inneren Mission. Innerhalb kürzester Zeit macht er aus dem nach dem Kirchentag gegründeten Central-Ausschuss, dem mehrheitlich Laien angehörten, ein handlungsfähiges Gremium.[[|33]] Seine wichtigste Aufgabe bestand darin, zwischen den bestehenden „Vereinen und Gesellschaften“ der Inneren Mission eine „gegenseitige belebende Annäherung und Verbindung zu veranlassen“ sowie „die vorhandenen Notstände zu ermitteln, sie zur Kenntnis – und die Verpflichtung zur Hilfe zur Anerkennung zu bringen“.[[|34]] Noch 1848 gründete Wichern in Hamburg den ersten Verein für die Innere Mission, wenige Monate später folgte mit seiner tatkräftigen Anregung und Mitwirkung die Gründung des zweiten Vereins für Innere Mission in Bremen. Tausend weitere sollten Folgen.[[|35]] Schnell bildeten sich auch Vereine, die sich für ein bestimmtes Arbeitsgebiet einsetzten. Sie kümmerten sich um unterschiedliche Themen und setzten unterschiedliche Schwerpunkte. Von der Kinderarbeit bis zur Altenpflege, von den Sonntagsschulen bis hin zur Auswandererseelsorge versuchten sie alles abzudecken. Kindergärten wurden gegründet ebenso wie Krankenhäuser und Behinderteneinrichtungen. Aus dem Central- Ausschuss entwickelte sich in den Folgenden Jahren der erste Verband der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland, nach dessen Vorbild später auch der Caritasverband und weiter Verbände entstanden.[[|36]] Eine Veränderung der Gesellschaft hatte durch den Beginn der „Inneren Mission“ in Deutschland angefangen. So wurde und kann auch heute noch der Zweck der Inneren Mission wie folgt beschrieben werden: „ die Rettung des evangelischen Volkes aus seiner geistigen und leiblichen Not durch die Verkündigung des Evangeliums und die brüderliche Handreichung der christlichen Liebe“[[|37]]

Fazit: Die Bedeutung Wicherns Beiträge zur Gründung der Inneren Mission

Johann Hinrich Wichern (* 21. April 1808 in Hamburg; † 7. April 1881 Ebenda) hat sein Leben Menschen gewidmet, denen es geistig und körperlich schlecht ging. So begann er sich früh um verwahrloste Jugendliche zu kümmern, bildete Diakone und Diakonissen aus, setzte sich für eine Gefängnisreform ein und hatte den Wunsch von einer Inneren Mission in Deutschland. Seine Rede zu diesem Wunsch auf dem Kirchentag 1848 erreichte und ergriff viele Christen. Diese Rede hatte für Deutschland positive Folgen wie nur sonst wenige Reden in der Geschichte. Doch Wichern war – und das dürfte mit Sicherheit ein westlicher Grund seiner außergewöhnlichen Wirkung gewesen sein- nicht nur Redner, sondern auch ausdauernder Organisator, Initiator und Motivator. Die durch Wichern ausgelöste Innere Mission veränderte das soziale Gesicht Deutschland, auch wenn die weitrechenden, auf eine sozial-religiöse Reform der gesamten Gesellschaft zielenden Gedanken nicht zur Umsetzung kamen. Durch Wicherns Beiträge kam es zum „Anbruch der modernen Welt“[[|38]]. So können wir also heute zusammenfassen, dass Wicherns Ideen, sein Leben und sein Wirken zielführend und wichtig zur Gründung der Inneren Mission und damit zum Vorgänger des heutigen Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland wurden. Und so hilft und unterstützt Wichern indirekt als „Vater der Diakonie“ auch heute noch vielen Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen.

von Katharina Fabel

März 2015

Fußnotenübersicht

1 www.diakonie.de – Geschichte (27.12.2014)

2 Herbert Haslinger(Hrgb.)-Diakonie- Grundlagen für die soziale Arbeit der Kirche; 2009; Seite 19

3 zitiert aus: www.diakonie.de – Selbstverständnis ( 27.12.2014)

4 Siehe: Video, das 2011 in der Stephanus-Stiftung in Berlin-Weißensee aufgenommen wurde.

5 Herbert Haslinger(Hg.)-Diakonie- Grundlagen für die soziale Arbeit der Kirche; 2009; 2.1 vgl. S.25 -S 42

6Ebd.; S.43- S.44

7 Gerhard K. Schäfer/Volker Herrmann: Geschichtliche Entwicklungen der Diakonie, in: Günter Ruddat/Gerhard K. Schäfer (Hg.): Diakonisches Kompendium, Göttingen 2005, 36-67: 56-62.

8 Hansjörg Martin(HG), Ein Menschenfischer-Johann Hinrich Wichern- Sein Leben, Wirken und seine Zeit; 1981

9 Martin Gerhardt: Ein Jahrhundert Innere Mission; Bd. 1; S.162

10www.deacademic.com – Johann Hinrich Wichern ; Lehrtätigkeit, volksmissionarisches und soziales Engagement (27.12.2014)

11 Georg-Hinrich Hammer: Geschichte der Diakonie in Deutschland; S.149

12 Ebd.; S.150

13In Johann Hinrich Wichern: Sämtliche Werke Bd.3/Teil 1: Die Kirche und ihr soziales Handeln, S. 186-194

14Siehe u.a. seine Rede auf dem Wittenberger Kirchentag; Wichern: Sämtliche Werke Bd. 1; S.157

15Ebd.; S.161

16 vgl. Georg-Hinrich Hammer: Geschichte der Diakonie in Deutschland; S.152-155

17www.deacademic.com – Johann Hinrich Wichern; Letzte Jahre Wicherns (29.12.2014)

18Georg-Hinrich Hammer: Geschichte der Diakonie in Deutschland; S.155

19Jochen-Christoph Kaiser: Evangelische Kirche und sozialer Staat. Diakonie im 19. und 20. Jahrhundert; S. 201

20Georg-Hinrich Hammer: Geschichte der Diakonie in Deutschland; S.160

21 u.a: Wichern, Sämtliche Werke, Band 4/1, S. 119

22Bettina Lindmeier: Die Pädagogik des Rauhen Hauses- Zu den Anfängen der Erziehung schwieriger Kinder bei Johann Hinrich Wichern; vgl.8.2 Christliche Erziehung

23Ebd.;S.164

24www.deacademic.com – Johann Hinrich Wichern; Lehrertätigkeit, volksmissionarisches und soziales Engagement ( 29.12.2014)

25 Bettina Lindmeier: Die Pädagogik des Rauhen Hauses; vgl. Themenbereiche S.100-S.139

26M. Elser, S. Ewald, G. Murrer (Hrsg.): Enzyklopädie der Religionen. Weltbild, Augsburg 1990, S. 82.

27aus dem Jahreskonvent der Diakonietheologen- Diakonie Mitteldeutschland: Johann Hinrich Wichern – Leben und Werk 29. Januar 2008

28Margot Käßmann: Zur Geschichte des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Hannover 2005 (Vortrag im Niedersächsischen Landtag, 17. Mai 2005)

29 www.glaubensstimme.de; Wicherns Rede in Wittenberg (29.12.2014)

30www.ekd.de - Von der Inneren Mission zum Diakonischen Werk (30.12.2014)

31vgl. Wichern: Sämtliche Werke Bd. I.; S.175-366

32aus dem Jahreskonvent der Diakonietheologen- Diakonie Mitteldeutschland: Johann Hinrich Wichern – Leben und Werk 29. Januar 2008

33Ebd.; S.9

34 vgl. Wichern: Sämtliche Werke, Bd. II.; S.22 und 24

35Georg-Hinrich Hammer: Geschichte der Diakonie in Deutschland; S. 156

36Ebd.; S 157

37Statuten §1, Wichern Sämtliche Werke, Bd. 1 S. 360

38Jochen-Christoph Kaiser: Evangelische Kirche und sozialer Staat. Diakonie im 19. und 20. Jahrhundert; S. 201

Quellenverzeichnis:

Bücher:


  1. Herbert Haslinger (Hrsg.): Diakonie – Grundlage für die soziale Arbeit der Kirche; Verlag Schöningh, Paderborn 2009

  2. Georg-Hinrich Hammer (Hrsg.): Geschichte der Diakonie in Deutschland; Kohlhammer, Stuttgart 2013

  3. Hansjörg Martin (Hrsg.) : Ein Menschenfischer – Johann Hinrich Wichern / Sein Leben, Wirken und seine Zeit; Agentur des Rauhen Hauses Hamburg 1981

  4. Bettina Lindmeier (Hrsg.) : Die Pädagogik des Rauhen Hauses – Zu den Anfängen der Erziehung schwieriger Kinder bei Johann Hinrich Wichern; Klinghardt, Rieden 1998

  5. Günter Ruddat/Gerhard K. Schäfer (Hrsg.): Diakonisches Kompendium; Göttingen 2005

  6. Martin Gerhardt: Ein Jahrhundert Innere Mission- Die Geschichte des Central Ausschusses für die innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche; Bd. 1, 1948

  7. Johann Hinrich Wichern: Sämtliche Werke Bd.1 – Bd.4

  8. Jochen-Christoph Kaiser: Evangelische Kirche und sozialer Staat. Diakonie im 19. und 20. Jahrhundert; hg. v. Volker Herrmann, Stuttgart 2008

  9. M. Elser, S. Ewald, G. Murrer (Hrsg.): Enzyklopädie der Religionen; Weltbild, Augsburg 1990

Vorträge:


  1. Jahreskonvent der Diakonietheologen- Diakonie Mitteldeutschland: Johann Hinrich Wichern – Leben und Werk 29. Januar 2008



  1. Margot Käßmann: Zur Geschichte des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Hannover 2005 (Vortrag im Niedersächsischen Landtag, 17. Mai 2005)


Videos:


  1. https://www.youtube.com/watch?v=_P6icT7GZRE (2011 in der Stephanus-Stiftung in Berlin-Weißensee aufgenommen)

Bild:

Titelblatt: http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/700071

Internet:


  1. http://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:w:wichern:wichern-rede_auf_dem_wittenberger_kirchentag

  2. http://www.ekd.de/aktuell_presse/news_2008_04_16_2_inneremission_diakonie.html

  3. https://www.diakonie-mitteldeutschland.de/viomatrix/imgs/download/sattler_wichern-leben_und_werk.pdf

  4. http://www.diakonie.de/geschichte-9081.html

  5. http://www.diakonie.de/19-jahrhundert-9111.html

  6. http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/700071

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